Hype, Klick, Enttäuschung: Wie ich ein Produkt kaufen wollte, das es gar nicht gibt |
Ist etwa schon der erste April? So fühlte sich das neulich zumindest an, als ich eine vermeintliche Kollaboration zwischen dem Espressokocher-Hersteller Bialetti und dem Modehaus Hermès auf Instagram entdeckte – und dabei enttäuscht wurde. Die Betonung allerdings liegt hierbei nämlich auf „vermeintlich“.Ein Kaufimpuls ließ meinen Finger zucken, aber der Klick führte ins Nichts. Den ikonischen Espressomacher mit dem Pferdegriff gab und gibt es gar nicht wirklich. Es handelte sich um einen Konzeptentwurf aus der digitalen Feder eines KI-Designers.
View this post on Instagram A post shared by Visual Atelier 8 (@visualatelier8)
A post shared by Visual Atelier 8 (@visualatelier8)
Zu schön, um wahr zu sein also. Leider verschwimmen die Grenzen auf Instagram zwischen Realität und Fiktion zunehmend, besonders im Zeitalter generativer KI. Was wie eine exklusive Produkt-Kollaboration aussieht, ein Must-have zwischen Design, Mode und Kunst, entpuppt sich immer öfter als reine Illusion. Ein Erlebnis, das inzwischen viele Nutzer teilen – und das eine grundlegende Frage aufwirft: Warum sind KI-generierte Inhalte noch immer nicht sofort erkennbar gekennzeichnet?
Fake-Fotos wie das vom Papst: Wir brauchen in Zeiten der KI mehr Misstrauen
Nach Aufruf von Collien Fernandes: Tausende demonstrieren gegen digitale sexuelle Gewalt
Die entsprechende Regelung liegt bereits in der Gesetzespipeline: Wer in sozialen Medien KI-generierte Bilder postet, die täuschend echt wirken – sogenannte Deepfakes – muss diese künftig klar als künstlich erzeugt kennzeichnen: Die entsprechenden Transparenzpflichten aus Artikel 50 des EU AI Act greifen ab dem 2. August 2026 und sehen bei Verstößen Bußgelder von bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor, je nachdem, welcher Betrag höher liegt.In Deutschland soll die Bundesnetzagentur als zentrale Aufsichtsbehörde fungieren; ein entsprechender Gesetzentwurf zur nationalen Umsetzung liegt seit März 2026 im Bundestag. Bis zum Stichtag im August drohen für das bloße Weglassen eines KI-Labels aber noch keine Bußgelder nach dem AI Act.
Teekessel von Alessi und Jacquemus? Nehmt mein Geld!
Ein Teekessel von Alessi und Jacquemus fiel mir ebenfalls positiv auf. Auch hier lief mein Kaufinteresse ins Leere: Das Design besteht nur aus Pixeln.
View this post on Instagram A post shared by studio miso (@studio.misoo)
A post shared by studio miso (@studio.misoo)
Vielen geht es wie mir: „Hunderte Menschen haben mich gefragt, wo sie den Hermès-x-Bialetti-Kocher kaufen können“, schreibt der italienische Creative Director und AI-Media-Designer Emanuele Jane Morelli auf meine Anfrage hin. Selbst innerhalb von Unternehmen würden seine Entwürfe wahrgenommen, berichtet er. Die Umsetzung des Espressokochers sei aber derzeit nicht geplant.
Der italienische Designer gehört zu den prägenden Figuren dieser neuen Bildwelt. Mit seinen hyperrealistischen Konzeptdesigns hat er eine Ästhetik geschaffen, die gezielt an der Schnittstelle von Begehren und Täuschung operiert.Seine Arbeiten – etwa fiktive Kollaborationen zwischen Luxusmarken wie Lacoste, Hermès oder Bottega Veneta und Alltagsobjekten – verbreiten sich viral und lösen genau jene Reaktion aus, die klassische Werbung seit Jahrzehnten anstrebt: den unmittelbaren Kaufimpuls.
Kinderspielzeug zum Burgenbau von Bottega Veneta
Endlich schönes Spielzeug für den verwöhnten Nachwuchs: eine geniale Idee. Nur leider kam nicht das Modehaus, das für seine aufwendige Lederflechtkunst bekannt ist, sondern auch in diesem Fall der KI-Designer Morelli darauf. Auf Instagram folgen ihm rund 25.000 Follower.
View this post on Instagram A post shared by Emanuele Jane Morelli (@jane_morelli)
A post shared by Emanuele Jane Morelli (@jane_morelli)
Morellis Werdegang steht exemplarisch für eine neue Generation von Kreativen. Ursprünglich im Modedesign ausgebildet, entdeckte er früh das Potenzial von KI – unter anderem als Beta-Tester für OpenAIs Bildgenerator DALL-E. Was als Experiment begann, entwickelte sich schnell zur Karriere. „Ich habe verstanden, dass das keine Spielerei ist, sondern eine Revolution“, sagt er. Innerhalb kurzer Zeit arbeitete er mit internationalen Marken, hielt Workshops und unterrichtet heute selbst Interessierte im Umgang mit KI.
Kunst braucht kein Warnschild – oder doch?
Obwohl der EU AI Act strenge Regeln für täuschend echte Bilder vorsieht, ist reine Kunst von der strikten Kennzeichnungspflicht ausgenommen. Auch der fiktive Bialetti-Espressokocher lässt sich als konzeptionelle Produktdesign-Kunst einordnen, was die rechtliche Notwendigkeit eines Warnhinweises aufweicht.
Der Schöpfer des Bildes, Emanuele Jane Morelli, sieht die Thematik ohnehin differenziert: Zwar lege er persönlich großen Wert auf Transparenz und mache seine KI-Nutzung meist deutlich, doch empfinde er die aktuelle Debatte auch als leicht heuchlerisch. Schließlich habe man in der Vergangenheit nie ernsthaft gefordert, Inhalte als „mit Photoshop oder 3D-Tools bearbeitet“ zu deklarieren, obwohl auch diese Technologien die Realität manipulieren. Wirklich zwingend sei eine Kennzeichnung für ihn vor allem dann, wenn echte Menschen dargestellt werden.
Zu schön, um wahr zu sein: Ketchup-Nagellack von Heinz
Ein weiteres Beispiel für KI-generierte Produkte, die ich am liebsten sofort gekauft hätte, ist ein Tomatenketchup-roter Nagellack von Heinz. Kurz bevor ich ihn bestellen und auf meine Nägel träufeln wollte, bemerkte ich eine nichtanaloge (Pommes-)Schranke. Oh Schreck, kein solcher Lack existiert!
View this post on Instagram A post shared by luli kibudi (@bylulikibudi)
A post shared by luli kibudi (@bylulikibudi)
All das macht deutlich, dass die Frage der KI-Kennzeichnung auf Plattformen wie Instagram weit mehr als eine technische Fußnote ist. Es geht um Vertrauen. Um die Fähigkeit von Konsumenten, informierte Entscheidungen zu treffen. Um den Schutz von Kreativen, deren Originalarbeit in einem Meer aus generierten Bildern unterzugehen droht. Und ja, es geht auch um die scheinbar banalen Momente, in denen jemand einen Espressokocher kaufen möchte, der nicht existiert.
Wenn Plattformen es nicht einmal schaffen, hier Transparenz herzustellen – mit einem simplen, sichtbaren Hinweis, bevor der Kaufimpuls zuschlägt –, wie soll dann die Kennzeichnung dort funktionieren, wo es wirklich zählt? Bei manipulierten Politikervideos vor einer Wahl, bei gefälschten Nachrichtenbildern in einer Krise, oder bei pornografischen Deepfakes, die das Leben unbekannter Menschen zerstören?