„Seit 47 Jahren träume ich von diesem Tag“: Berliner Designerin Leyla Piedayesh zum Iran |
Am Wochenende feierte sie mit anderen Exil-Iranerinnen am Brandenburger Tor. Auf Instagram postete sie Bilder, Gedanken und Videos von tanzenden Menschen auf iranischen Straßen. Die 1970 in Teheran geborene Leyla Piedayesh gründete 2004 das Modelabel Lala Berlin, eines der bekanntesten Modelabels der Hauptstadt. 2023 rutschte es in die Insolvenz, im Januar 2026 verließ sie das inzwischen von Copenhagen Studios (einem Unternehmen der S. Oliver Group) geführte Unternehmen.
Nun lässt sie ihre Vergangenheit mit einem großen Sample Sale los: Leyla Piedayesh öffnet erstmals ihr exklusives privates Modearchiv. Die Designerin, Gründerin und ehemalige Kreativdirektorin von Lala Berlin verkauft Originalstücke aus über 20 Jahren kreativer Arbeit. Vielleicht, um Ballast loszuwerden, für die Rückkehr in den Iran.
Frau Piedayesh, wie geht es Ihnen?Am Samstag war es pure Freude. Gestern war es Leichtigkeit und Glückseligkeit. Ich war am Brandenburger Tor und habe mitgefühlt, wie sich die Iraner:innen in Berlin gemeinsam gefreut haben. Das war sehr bewegend. Gleichzeitig ist es nur ein Querschnitt – es gibt Menschen, die trauern, weil sie anders betroffen sind. Jeder trägt seine Geschichte mit sich. Meine fühlt sich im Moment befreiend an.
Das Schönste ist dieser neue Weg, der sich öffnet: eine Tür in die alte Heimat, eine in die Sonne des Landes, in dem ich geboren wurde, um vielleicht dort alt zu werden.
Was hören Sie gerade von Ihren Kontakten im Iran? Wie ist die Stimmung vor Ort? Die Berichte sind sehr unterschiedlich. Das Bombardement hat nicht so schnell aufgehört. Tagsüber wusste niemand genau, welches Team gerade was macht. Es gibt nämlich, so wurde mir erzählt, auch iranische Kräfte im Land, die Unruhe stiften – etwa durch Angriffe auf eigene Schulen oder Krankenhäuser, um Angst und Zweifel zu schüren. Es herrscht dort weiterhin Kriegszustand.
Es ist also bisher nicht an der Zeit für dieses blaue, sonnige Heimkehr-Gefühl, bei dem alle tanzen können. Aber das Tanzen, die Feuer, die Freude der ersten Stunden – sie waren berechtigt. Nach 47 Jahren islamischer Repression und nach der Bekanntgabe, dass die obersten Verantwortlichen des Staates ihrem Schicksal erlegen sind, war da eine Freude, die nicht zu bremsen war.
Wie es nun weitergeht, ist unklar. Wir befinden uns gerade erst am Anfang. Ich bin zuversichtlich, dass es ein schnelles Ende nimmt – aber wir wissen nicht, welche Kräfte sich noch zusammentun, um sich gegen die USA und Israel zu wehren. Und wir wissen auch nicht, was passiert, wenn sich der erste Staub gelegt hat.
„Seit 47 Jahren träume ich von diesem Tag“, haben Sie auf Instagram geschrieben. Was sind jetzt Ihre Hoffnungen für den Iran? Meine Hoffnung geht weit über Politik hinaus. Es geht um Gerechtigkeit – auch wirtschaftlich. Nach all den Jahren, in denen der Staat sein eigenes Volk gebrochen, ausgelaugt und klein gehalten hat, wäre es heilsam, wenn endlich etwas zurückfließt. So vieles wurde genommen, veruntreut oder gehortet, während das Land selbst immer ärmer wurde.
Der Iran ist reich – an Geschichte, Kultur, Ressourcen, Menschen. Und doch hat man den Menschen diesen Reichtum nie zugestanden. Ich hoffe, dass wenigstens ein Teil davon dem Volk zurückgegeben wird. Dass Konten der Revolutionsgarden und ihrer Familien eingefroren werden und dem Wiederaufbau dienen – den Familien, die Angehörige verloren haben, den Verletzten, den Erschöpften.
Es geht nicht um Rache, sondern um Heilung. Endlich in einem Land leben zu dürfen, das dem gerecht wird, was es eigentlich ist: ein Ort voller Schätze und voller Würde.
Wenn sich alles zum Guten verändert: Werden viele Iraner zurückgehen? Auf den Demonstrationen der letzten Wochen war eine häufige Aussage: „Ich will zurück.“ Ob jemand tatsächlich zurückkehrt, hängt davon ab, wann jemand gegangen ist, wie er hier aufgewachsen ist und ob Kinder im Schulalter da sind. Jede Biografie trägt ihr eigenes Gewicht.
Ich selbst bin fast frei – mein Kind macht Abitur und möchte danach studieren. Andere sind noch nicht verwurzelt, weil sie vom ersten Tag nur eins wollten: zurück. Dann gibt es jene, die hier geboren sind, fest verankert, für die ein dauerhaftes Zurück kaum vorstellbar ist. Und doch wollen auch sie endlich wieder Heimat spüren.
Viele Stimmen, viele Wege – aber ich glaube, ein großer Teil der weltweiten Diaspora wird mehr als nur einmal zurückkehren. Ich selbst träume von einem Zurück für immer: eine grüne Oase, die Herrlichkeit des Landes, Freundlichkeit, Gastfreundschaft – all das, was in meiner Erinnerung positiv geblieben ist. Ob die Realität dem entspricht, weiß man erst, wenn man dort lebt. Aber allein, dass der Traum wieder möglich ist, bedeutet mir viel.
2023 rutschte Ihr Label Lala Berlin in die Insolvenz. Wie ist es Ihnen seither ergangen?Es war ein radikaler Einschnitt: erst Schock, dann Trauer, dann Neuorientierung.
Was macht so eine Insolvenz mit einem? Sie geht ans Eingemachte. Es ist, als würde dir jemand einen Teil deiner Identität nehmen – gerade, wenn das Produkt so persönlich ist.Man fühlt sich nackt, verletzt, sehr exponiert. Aber genau darin liegt auch eine Chance: sich neu zu definieren. Nicht aus der alten Rolle heraus, sondern aus einem neuen inneren Verständnis.
Wie hat sich Ihre Rolle im Unternehmen verändert? Ich hatte die letzten zwei Jahre die Rolle als Creative Director inne. Seit Januar dieses Jahres bin ich frei und arbeite an neuen Projekten. Ich räume auf nach all den Jahren und erfinde mich neu. Ich berate einige Firmen und arbeite aktuell an drei großen, sehr schönen Projekten.Täglich entstehen fünf neue Ideen, die auf einen Zettel kommen. Kurz gesagt: Es sprudelt aus mir heraus, und das fühlt sich großartig an. Viele neue Türen haben sich geöffnet – und es ist aufregend.
Man hat Ihnen und Ihrem Label Antisemitismus vorgeworfen – was ist Ihre Antwort darauf? Antisemitismus widerspricht meiner Haltung zutiefst. Ich stehe für Dialog, Offenheit und Differenzierung – schon allein durch meine eigene Geschichte, meine Sozialisation und meine Integration.Mich macht es traurig, dass wir uns im 21. Jahrhundert gegenseitig angreifen müssen, um Hass zu publizieren, wo keiner nötig ist.
Sie haben mit Lala Berlin etwas Besonderes in Berlin geschaffen – wie verabschieden Sie sich davon und was nehmen Sie mit? Ich habe beschlossen, jetzt einen großen Ausverkauf zu machen. Alles, was man materiell festhält, hält einen fest. Ich möchte diese Dinge nicht mehr mit mir tragen. Sie sollen auch nicht in einem Keller lagern. Sie sollen dahin, wo sie geschätzt und getragen werden. Alles andere kann weitergegeben werden – und das macht mich leicht für alles, was kommt. Und wenn der Weg eines Tages nach Teheran führt, warum nicht?
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Vielleicht kann daraus ja Lala Iran entstehen. Deshalb lade ich alle Fans, Wegbegleiter:innen und Zeitgenoss:innen ein: Kommt vorbei, stöbert und – nehmt alle Stücke meines persönlichen Archivs von Lala Berlin mit, damit ich auf meinem Weg in den Iran nicht so viele Koffer tragen muss.
Was verkaufen Sie vom 13. bis 17. März in Ihrem Sample Sale?Die Auswahl umfasst Einzelanfertigungen, Runway-Samples, Presseteile und seltene Archivstücke aus legendären Kollektionen, Red-Carpet-Auftritten und wegweisenden Shows. Jedes Teil erzählt eine eigene Geschichte und ist ein einmaliges Unikat. Viele Stücke waren nie für den Verkauf bestimmt – sie stehen für Momente, Stilinnovationen und die kreative Handschrift einer ganzen Ära.
Sample Sale. The Space, Torstraße 86, Mitte. 13.–17.3., tägl. 10–18 Uhr.Die Archivauflösung erfolgt als private, unabhängige Initiative von Leyla Piedayesh und steht in keiner Verbindung zur heutigen Firma Lala Berlin.