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Egozentrik, Tod und Einsamkeit: Vom Alltag einer Berliner Altenheimbewohnerin

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Als „Frau von Welt“ wird Frau Hermann (Name geändert, d. R.) mir von der Koordination meines neuen Ehrenamts vorgestellt. Na ja, wir werden sehen, denke ich da noch, frisch betraut mit einer sogenannten Telefonfreundschaft.

Nach meinem ersten juristischen Staatsexamen habe ich in erster Linie ein Bedürfnis: raus aus den Texten und zurück zu den Menschen. Ein Berliner Verein mit einer besonderen Mission scheint mir da gerade recht zu sein – als junge Person soll ich mit einem älteren Menschen verkuppelt werden, um in regelmäßigen Gesprächen das wahrscheinlich umtriebigste Gespenst des 21. Jahrhunderts zu vertreiben: die Einsamkeit.

Kurz bevor ich das erste Mal die Nummer wähle, sehe ich noch mal auf die Checkliste – bereitgelegt für den Fall, dass wir uns nichts zu sagen haben. Ehemaliger Wohnort? Enkel? Veränderungen der alltäglichen Umgebung über die letzten Jahre (gemeint: Jahrzehnte)? Haustiere?

Als Frau Hermann den Hörer abnimmt, bin ich erstaunt. Sie sei über 90, hatte man mir zuvor gesagt. Unbewusst habe ich mich auf eine schmale Stimme eingestellt, vielleicht ein bisschen zittrig. Aber die Stimme, die mir resolut aus meinem Handylautsprecher entgegenschallt, verjüngt den Menschen dahinter um locker 30 Jahre. Von Altersmilde keine Spur. Frau Hermann spricht Berliner Schnauze – für mich aus dem Westen zunächst gewöhnungsbedürftig. Erster Gedanke: unhöflich! Wir sprechen über die „Hard Facts“ – jeweilige Berufe, Partner, Wohnort, natürlich über Haustiere.

Unser erstes Gespräch endet so, dass Frau Hermann laut überlegt, dass es doch gar nicht so dröge war mit mir. Sie hatte es sich anders (gemeint: langweiliger) vorgestellt. Ich dürfe wieder anrufen. Ihre Ehrlichkeit bringt sie mir näher. Von da an telefonieren wir einmal die Woche.

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Beeindruckt von der Bestimmtheit dieser Frau

Frau Hermann beschwert sich viel, über das heiße Wetter (valide), die „qualmenden“ Pflegekräfte (je nach Situation auch verständlich), die gleichgültige Heimleitung und ihren allein geführten Kampf gegen Kürzungen (sehr valide), die Welt im Allgemeinen, der sie nichts Gutes mehr abgewinnen kann (na ja).

Ihre dominante, manchmal barsche Stimme stößt mich ab in so manchen Momenten. Dennoch bin ich auch ein bisschen beeindruckt von der Bestimmtheit und Entschiedenheit dieser Frau, die fast beiläufig auf die 94 zusteuert.

Ihr Leben beginnt in Berlin in einer Zeit, in der Berlin noch nichts ahnt vom heranrauschenden Unheil des Nationalsozialismus oder von einer Mauer, die das Herz der Stadt irgendwann genau dort teilen wird, wo Frau Hermann aufwächst. In der Oderberger Straße erlebt Frau Hermann die falsche Euphorie des Dritten Reichs und den Niedergang, den der Zweite Weltkrieg auch in Prenzlauer Berg verursacht. An dessen Ende ist Frau Hermann so unterernährt, dass ihr im nunmehr sowjetischen Sektor die „Lebensmittelkarte 1“ ausgeteilt wird – vorgesehen eigentlich für Schwerstarbeiter. Um sich wortwörtlich am Leben zu halten, bekommt Frau Hermann damit jeden Tag einen halben Liter Milch zugewiesen.

Nach dem Krieg macht sie eine Ausbildung zur Schneiderin für Mäntel und Kostüme, eine Arbeit, die ihre Ader trifft. Frau Hermann ist nicht nur handwerklich, sondern auch künstlerisch begabt. Bis ins hohe Alter zieht sich ein Faden aus Garn und Wolle durch ihr Leben. Neben Schneiderei, Stickerei und Häkelei ist sie eine begnadete Malerin.

Unverblümte Sprache, verblümter Malstil. Ihre Aquarelle zieren später fast jeden Flur des Altersheims. Neben Stillleben widmet sie sich gern der Darstellung der Natur im Wandel der Jahreszeiten. In ihrem „früheren“ Leben, wie sie es nennt, war ihr die Natur ganz nahe, in Westdeutschland, wo sie knapp 40 Jahre lebte, bis es zurück nach Berlin ging – der Kinder wegen, und des Alters.

Widerwillig in den Bewohnerbeirat wählen

In dem Wohnheim, das mittlerweile ihr Zuhause ist, hat Frau Hermann jede Jahreszeit mittlerweile siebenmal erlebt. Seit sieben Jahren dieselbe Deko, seit sieben Jahren Personalmangel, seit sieben Jahren (gefühlt) immer schlechteres Essen. Und seit sieben Jahren kehrt neben täglichem Mittagessen und Pfarrbesuchen regelmäßig auch der Tod in Nebenzimmern ein. Niemanden verschont er, auch nicht ihren Mann, der nach über 60 gemeinsamen Jahren in ihren Armen starb. Und das vor sieben Jahren.

Frau Hermann füllt die Stunden des Tages mit Handarbeiten und die der Nacht mit Grübeleien: über das Leben und den Tod, die ferne Urenkelin in den USA und die Frage, warum das „Obst der Saison“ des wöchentlichen Speiseplans nie eine andere Gestalt annimmt als die einer alten Banane – unabhängig von der Jahreszeit.

Sie macht aus der zähen Zeit das Beste: Widerwillig lässt sie sich auch immer wieder in den Bewohnerbeirat wählen. Das ist nicht nur auf ihre scharfe Zunge zurückzuführen, sondern vor allem auf die ungewöhnliche Tatsache, dass sie trotz der langen Zeit, die sie dort Bewohnerin ist, immer noch „mobil“ (heißt: nicht bettlägerig) ist.

Wie viele Schutzengel muss ich denn noch häkeln, bis der liebe Gott mich endlich zu sich holt?

Wie viele Schutzengel muss ich denn noch häkeln, bis der liebe Gott mich endlich zu sich holt?

Einmal im Monat kommt der Pfarrer, ab und zu ein Pianist. Frau Hermann geht dafür stets „nach unten“. Danach erzählt sie mir manchmal stolz, dass sie jedes vorgeführte Stück gekannt hat. Von den Handarbeiten, die sie anfertigt, verkauft sie einige für kleine Beträge. Mit dem Erlös geht sie manchmal zum Supermarkt nebenan, um sich „etwas Nettes“ zu besorgen: „geräucherte Makrele und Schimmelpilzkäse“. Eine bedeutsame Flucht, wenn auch nur auf die andere Straßenseite.

Der Tod kommt nicht allein

Man ahnt es vielleicht: Die geordneten, für Außenstehende vielleicht schnöden Bahnen, in denen Frau Hermanns Leben verläuft, lassen keinen Schluss auf innere Geordnetheit zu. Die Resolutheit, die Frau Hermann fast wie eine Monstranz vor sich herträgt, verbirgt eine innere Unordnung, einen inneren Chaoszustand.

Denn der Tod ist nicht nur Thema im Zimmer nebenan, er wird es auch in ihrem – und in unseren Telefonaten. Doch es ist nicht die Angst davor, es ist der Wunsch danach. Frau Hermann möchte sterben. Sie möchte ihr eigenes Leben nicht mehr erhalten wie damals 1945, nicht um jeden Preis. „Ich habe doch alles gehabt“, sagt sie immer wieder. „Wie viele Schutzengel muss ich denn noch häkeln, bis der liebe Gott mich endlich zu sich holt?“ Auch das Sterben um sie herum nimmt sie mit. Jedes Mal, wenn im Heim jemand geht, wird vor der Zimmertür ein kleiner Tisch aufgestellt, mit einem Schutzengel und einer Kerze.

Und der Tod kommt nicht allein. Frau Hermann wird auch von etwas anderem heimgesucht. Es ist – und ich weiß bis heute nicht, in welchem Ausmaß – die Einsamkeit. „Wenn Sie anrufen, habe ich das Gefühl, die Welt hat mich noch nicht vergessen. Ich hatte schon Angst, Sie vergessen mich.“ Mit Sätzen wie diesen zeigt Frau Hermann, welche Bedeutung die kurzen wöchentlichen Gespräche für sie angenommen haben. Mit anderen Worten: Welche Lücke sie im Ansatz füllen.

Ungewöhnlich, denke ich da. Ich kann mir nicht erklären, dass diese alte Dame sich, umgeben von Gleichaltrigen und in der Nähe einer Familie, die sie regelmäßig besucht, einsam fühlt. Da sind doch die Pflegenden, die anderen Heimbewohner, der Pfarrer, der einmal im Monat kommt. Wie soll sich Einsamkeit bitte einen Weg durch dieses dichte Netz regelmäßigen sozialen Kontakts bahnen?

Langsam wird mir klar: Auch unter Menschen kann Mensch einsam sein. Physische Nähe ist keine Prophylaxe. Und irgendwann frage ich mich, wie es dann jenen gehen mag, die noch weniger Austausch erfahren, über Tage mit niemandem sprechen, der Familie fern sind, ob physisch oder menschlich. Wie viele Menschen leben noch in Berlin zu Ende und wissen zum Ende hin nicht, wohin mit dem ganzen Leben?

Wer spricht, der bleibt

Die Zahlen zur Betroffenheit von Einsamkeit, die sich aus Umfragen ergeben, sind hoch. Die WHO spricht von Einsamkeit als „Pandemie des 21. Jahrhunderts“. Fast eine von sechs Personen weltweit ist betroffen. Und die junge Generation? Die einsamste seit Beginn der Aufzeichnungen, denn solche gibt es erst seit kurzem. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung geben 51 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren an, zumindest moderate Einsamkeit zu verspüren. Zwölf Prozent berichten von starker Einsamkeit.

Einsamkeit ist nicht nur ein Auslöser von Schamgefühlen. Sie ist auch ein Gesundheitsrisiko. Was paradox klingt, ist statistisch belegte Realität: Einsamkeit meint im Ergebnis nicht die Abwesenheit von sozialem Stress, sondern seine Anwesenheit. Sie adressiert im Gehirn dieselben Areale, wie physischer Schmerz es tut. Die dadurch abgesonderten Stresshormone führen dazu, dass Betroffene soziale Kontakte als kritisch wahrnehmen und sich dadurch noch mehr absondern.

Ich habe außerdem persönlich das Gefühl, die Anzeichen von Einsamkeit im Alter kommen meist nicht einsam daher, sondern insbesondere gepaart mit einer Prise Egozentrik. Auch Frau Hermann scheint manchmal völlig von sich selbst eingenommen. Und das meine ich nicht verurteilend. Vielmehr ergibt es für mich Sinn: Je mehr ich Frau Hermann von sich selbst erzählen lasse, umso mehr kann sie – so scheint es – die Schärfe der eigenen Konturen erhalten. Je mehr Worte sie noch in die Welt tragen kann, umso stärker hat sie den Verbleib ihres Seins auf dieser Welt vorerst unter Kontrolle: Wer spricht, der bleibt. Mit Sätzen wie „Wenn Sie anrufen, habe ich das Gefühl, die Außenwelt hat mich noch nicht vergessen“ scheint sie das zu bestätigen.

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Eine Endgültigkeit, die überwältigt

An einem Morgen im November klingelt mein Wecker. Seit eineinhalb Jahren telefonieren wir da schon. Ich bin noch müde, gehe im Halbschlaf in die Küche und bediene den Wasserkocher. Noch nicht ganz wach rufe ich Frau Hermann an. Als ich ihre Stimme höre, schrecke ich hoch, bin sofort wach.

Die Resolutheit ist fort, sie klingt abgekämpft und schwach. Seit einer Woche liege sie, könne nicht mehr aufstehen, es sei irgendwas am Ischiasnerv. „Ich habe größere Schmerzen als bei meinen Entbindungen“, bringt sie hervor. Ich fühle mich hilflos. Ihre offene Verletzlichkeit überfordert mich. Sie spricht unter Mühen und Schmerzen und sagt, dass sie nicht noch mal ins Krankenhaus will, nachdem sie beim letzten Mal zwei Tage und Nächte auf dem Gang gelegen habe. Als sie irgendwann tief Luft holt und mühsam beginnt mit „Meine liebe Anna“, weiß ich, dass es der Abschied ist. Ihre Stimme bricht. Meine auch. Die Emotionalität des Abschieds, da bin ich sicher, hat keine von uns vorausgesehen.

Ich habe noch nie eine sterbende Person in den Tod verabschiedet, wurde noch nie von einer sterbenden Person ins Leben entlassen. Es hat eine Endgültigkeit, die mir noch nicht begegnet ist und die mich überwältigt. Ich spüre eine plötzliche Verantwortung für den Abschied dieser Frau von dieser Welt, mit der ich nicht umgehen kann. Frau Hermann wünscht mir für mein Leben alles Gute. „Leben Sie wohl.“ Danach schaue ich auf mein Handy. Unser Gespräch hat nur sieben Minuten gedauert.Anna Bartling ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Strafrecht an der FU Berlin. Als sie im Studium die Zuschauerhotline des RBB betreute, kam sie das erste Mal mit dem Phänomen der Alterseinsamkeit in Berührung.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung bzw. Ostdeutschen Allgemeinen und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.


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