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Warum ein Tatort „eingefroren“ wird

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18.06.2021

Berlin - Wenn Linda Hoff zu einem Tatort gerufen wird, hat sie immer schwer zu tragen. In ihren zwei Fototaschen liegen Objektive verschiedener Brennweiten, Blitzlicht, Stativ, verschiedene Gliedermaßstäbe und ein luftdicht verpackter weißer Ganzkörperanzug mit Füßlingen. Insgesamt gut 15 Kilo.

Auch Proviant ist dabei: Salzbrezeln, Nüsse, Wasser. Denn wenn die Fotografin nachts und am Wochenende im Einsatz ist, weiß sie nie, wie lange es dauert. Mal dokumentiert sie in einer Wohnung die Spuren eines Mordes, mal den Ort eines Betriebsunfalls.

Serie über die KriminaltechnikTatort Berlin: Wie Wissenschaftler Spuren „zum Sprechen“ bringen

Die 34-jährige Linda Hoff gehört zur Tatortdokumentation des Kriminaltechnischen Instituts (KTI) der Berliner Polizei. Der Fachbereich hat 26 Mitarbeiter, darunter elf Tatortfotografen und sechs Vermessungsingenieure.

Früher war die gelernte Fotografin selbstständig. Als sie Anfang 2019 bei der Polizei anfing, wusste sie, dass hier keine fröhlichen Gesellschaften fotografiert werden. Schon in der Stellenausschreibung, auf die sie sich beworben hatte, stand, dass sie auch mit ekelerregenden Situationen und Gerüchen konfrontiert sein würde.

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„Hier bei der Polizei musste ich das Fotografieren fast neu lernen“, erzählt sie. Denn es kommt nicht, wie bei ihrer Arbeit zuvor, auf Ästhetik an, sondern darauf, dass das zu fotografierende Objekt gut ausgeleuchtet ist. Und dass alles, was wichtig sein könnte, fotografiert wird – nicht nur die Stichwunden an der Leiche, sondern auch das blutige Messer neben dem Sofa oder der volle Aschenbecher, wenn das Opfer geraucht hat.

Linda Hoff dokumentiert für die Rechtsmedizin die Blutergüsse einer misshandelten Frau oder den Leichnam eines im Park erstochenen Mannes auf dem Sektionstisch. Manchmal muss Linda Hoff auch den Inhalt eines Kühlschranks ablichten. Wenn festgestellt werden soll, ob ausreichend kindgerechte Nahrung da ist, nachdem die Polizei ein Kind aus einer verwahrlosten Wohnung geholt hat.

Die Spezialisten von der Tatortdokumentation sind rund um die Uhr in Bereitschaft, um verschiedene Dienststellen der Polizei zu unterstützen, etwa den Verkehrsermittlungsdienst oder auch die Mordkommission. So war es in Wedding nach einer Schießerei zwischen verfeindeten bosnischen Clans – ein Nachmittag, an den sich viele Anwohner der Hochstädter Straße noch erinnern.

Vier Männer stehen vor einem Café und unterhalten sich. Plötzlich halten zwei Autos. Mehrere Angreifer springen heraus und stechen auf die vier mit Messern ein. Schüsse hallen. Die Täter springen in die Autos und rasen davon. Ein Notarzt versucht, einen 31-Jährigen wiederzubeleben. Er stirbt.........

© Berliner Zeitung


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