menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

1. FC Union Berlin: Wenige Tore in der Bundesliga, dafür aber eine große Wirkung

8 0
yesterday

Bei einem 8:0-Erfolg des DFB-Teams 1976 gegen Malta war das 7:0 ein ganz und gar unwichtiges Tor. Für Hans-Hubert Vogts, den Abwehrspieler von Borussia Mönchengladbach, war es aber das Tor seines Lebens. Schließlich blieb es das einzige, das er in seinen 96 Länderspielen erzielte.

Ganz so unwichtig war das Tor von Miroslav Klose nicht

Bei einem 5:0-Sieg der DDR-Nationalelf sechs Jahre zuvor gegen den Irak war wiederum der letzte Treffer zwei Minuten vor dem Abpfiff nur noch das i-Tüpfelchen. Für Konrad Weise, den damals 18-Jährigen von Carl Zeiss Jena, war es trotzdem ein ganz besonderer, weil er ihm bei seinem ersten Einsatz im A-Team gelang und in 85 weiteren nur noch einer dazukam. Selbst das 2:0 von Miroslav Klose 2014 im WM-Halbfinale könnte man als unwichtig abtun, weil danach noch fünf weitere deutsche Tore zum 7:1-Triumph über Gastgeber Brasilien fielen.

Wichtige und unwichtige Tore wird es im Fußball immer geben. Angenommen, Bayern München gewinnt am Wochenende beim FC St. Pauli deutlich, womöglich mit zwei oder drei Toren Unterschied. Wer würde da dem zweiten Treffer des Tabellenführers huldigen? Es wäre ja wieder nur einer von vielen. Und doch werden sie es tun. Denn es wäre ihr 102. in dieser Saison. So viele hat in 62 Jahren Bundesliga noch kein Team in einem Spieljahr erzielt.

Von O bis O: Andrej Ilic lässt die Fans des 1. FC Union Berlin ein Jahr warten

Die Stimmen zum Union-Spiel: „Trainer und Team haben immer an mich geglaubt“

Unwichtige Tore kennt der 1. FC Union Berlin nicht. Oder kaum. Weil er insgesamt ziemlich wenige erzielt. 32 erst sind es im laufenden Spieljahr. Nur Bremen (31), Heidenheim (29) – am kommenden Wochenende Gastgeber für die Eisernen – und St. Pauli (25) haben seltener getroffen. Dass die Köpenicker dabei durchaus effizient sind, kommt ihnen zugute. So holten sie aus Spielen, in denen sie kein oder nur ein Tor erzielten, das sie aber nicht verloren haben, 18 (!) Punkte.

Und doch gibt es auch bei ihnen nicht nur marginale Unterschiede. Am ehesten könnte das Andrej Ilic beurteilen. Dass der Angreifer den ganzen Herbst an Ladehemmung litt, ist Schnee von vorgestern. Dann allerdings erzielte er einen Treffer, der, nimmt man den Zeitpunkt und das Resultat, die Wirkung hat, dass ein Nicht-Unioner mit den Schultern zuckt: das 2:3 beim HSV in Minute 89.

Ganz anders sein Tor beim jüngsten 1:1 gegen das andere Team aus Hamburg, gegen St. Pauli. Wieder war es ein Kopfball, aber einer, der die Weichen im Kampf um den Klassenerhalt zwar nicht komplett auf Rettung stellte, den allergrößten Stress aus Köpenick aber trotzdem vertrieb. Sieben Punkte sind es geblieben zwischen den Rot-Weißen und den Kiezkickern, die auf dem Relegationsrang liegen. Üblicherweise geht man davon aus, dass in einer so späten Phase der Saison pro Spieltag ein Punkt aufgeholt werden kann. Das zumindest sagt die Erfahrung.

Der 1. FC Union Berlin darf sich nicht zu sicher sein

Zu sicher sollte sich das Team um Kapitän Christopher Trimmel dennoch nicht sein. Denn die Gegner bis Saisonschluss kommen bis auf Leipzig aus dem Tabellenkeller (neben Heidenheim auch Wolfsburg) oder mit Köln, Mainz und Augsburg aus jener Zone, in der sich auch die Eisernen befinden. Das sind üblicherweise sogenannte Sechs-Punkte-Spiele. Umso schneller kann die Differenz schrumpfen.

Übrigens: Auch Kloses 2:0 beim 7:1 über Brasilien bleibt an Wichtigkeit unumstritten. Diesen einen Treffer hatte der DFB-Rekordtorjäger gebraucht, um mit seinem 16. Tor die alleinige Führung der erfolgreichsten Torschützen bei WM-Endrunden zu übernehmen. Zudem weiß niemand, ob das Spiel für den späteren Weltmeister auch ohne dieses Tor einen so phänomenalen Verlauf genommen hätte.

Ebenso sollte man dem Treffer von Andrej Ilic zum 2:3 beim HSV etwas mehr als nur einen Hauch von Gewicht beimessen. Vielleicht war er auch nur auf den zweiten Blick wichtig. Schließlich hatte der Serbe seine Torlosigkeit beendet. Auch hier weiß niemand, ob er dann das auch auf den allerersten Blick so wichtige Tor gegen St. Pauli erzielt hätte. Allein das sollte Spektakel genug sein.


© Berliner Zeitung