„Am Ende zahlst du immer“: Warum Berliner Pendler trotz hoher Preise weiterfahren |
Am Nachmittag an der Tankstelle an der Heerstraße wird getankt – und geschimpft. Die Sonne steht noch hoch, die Zapfsäulen surren, Autos rollen an. Jeder Tropfen kostet. Und zwar mehr als vielen lieb ist. Viele wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Was sie über die hohen Preise denken, sagen sie trotzdem.
„Ist halt Scheiße“, sagt ein Fahrer, während er den Zapfhahn einrastet. Dann schaut er noch mal auf die Preistafel. „Ich verstehe es nicht. Das macht keinen Sinn. In anderen Ländern ist es ja billiger.“ Er schätzt, dass er inzwischen knapp 50 Euro mehr zahlt, im Monat eher 100. „Da kann man viel mit machen. Essen gehen, einkaufen, irgendwas. Jetzt steckt’s halt im Tank.“
Ganz falsch liegt er mit dem Vergleich nicht. In Österreich ist Tanken teils günstiger, außerdem dürfen die Preise dort nur einmal am Tag erhöht werden. In Deutschland will die Bundesregierung jetzt etwas Ähnliches einführen. Tankstellen sollen ihre Preise künftig nur noch einmal täglich anheben dürfen, Senkungen jederzeit. Ob das wirklich etwas billiger macht, ist allerdings offen. Selbst der ADAC sagt: Kann helfen, muss aber nicht.
Ein anderer Fahrer stört sich weniger am Preis selbst als am Gefühl, dass dieser ständig schwankt. „Es ist unfair, dass die Preise so hoch sind.“ Er versteht nicht, warum Sprit an der einen Tankstelle teurer ist als an der nächsten und die Preise ständig springen. „An der einen Tankstelle so, an der anderen so. Und viermal am Tag wird’s geändert. Am Ende zahlst du mehr – aber wofür denn? Welchen Service haben die denn geleistet?“ Er schüttelt den Kopf, steckt die Zapfpistole zurück. Sein Urteil fällt entsprechend aus: „Ärgerlich und kriminell.“
Warum Spritpreise ständig springen
Dass die Preise tatsächlich ständig springen, ist kein Gefühl. Tankstellen ändern sie oft Dutzende Male am Tag. Genau das will die Politik jetzt einschränken. Für die Leute hier klingt das eher nach Theorie.
Ein Monteur, der jeden Tag durch Berlin fährt, wischt sich die Hände an der Hose ab und lehnt sich kurz an sein Auto. „Natürlich geht das an die Kunden weiter“, sagt er. „Was soll ich machen?“ Dann wird er ernster: „Im Endeffekt verdient der Staat daran. Das finde ich unfair.“
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Auch da ist etwas dran. Steuern und Abgaben machen beim Spritpreis einen ordentlichen Batzen aus. Schon 2022 versuchte die Bundesregierung mit dem Tankrabatt gegenzusteuern, jetzt legt sie wieder nach: mit neuen Regeln für Preisaufschläge und der Freigabe eines Teils der Ölreserve. Laut Bundesregierung soll das den Markt beruhigen. An der Heerstraße klingt das alles weit weg. Hier zählt nur, was am Ende auf der Anzeige steht.
Ein Händler, der regelmäßig nach München fährt, steht neben seinem blauen VW und schaut auf die Zahlen, als könnte er sie mit genug Konzentration noch nach unten korrigieren. Fast jedes Wochenende 600 Kilometer, sagt er. Die Mehrkosten zahlt er selbst. Dann zuckt er mit den Schultern. „Läuft halt.“
Für viele keine Wahl: Auto muss sein
Neben ihm hält Frank Effenberger mit dem Roller. Viel schluckt der nicht, sagt er, deshalb treffe ihn der Preisanstieg weniger hart als die Autofahrer nebenan. „Zwölf Euro“, sagt er und zeigt auf den kleinen Tank. In Berlin fahre er, wenn es geht, Roller – schneller, praktischer, leichter abzustellen. Dann schaut er auf die Autos neben sich und sagt: „Mit dem Auto würde ich auch fluchen.“ Für ihn sei der Roller eher bequem, für viele andere sei das Auto nötig. „Auto ist was anderes.“
Ein Pendler, der jeden Tag in die Stadt hineinfährt, spricht von rund zehn Euro mehr im Monat. Nicht nur die Summe nerve ihn, sagt er, sondern das Prinzip. „Du zahlst halt immer mehr. Und keiner sagt dir, warum.“
Philipp Balmer, 49, sieht es etwas entspannter als viele andere. „30 Euro mehr, ja, ist schon nicht wenig“, sagt er. Für Leute wie ihn sei das schon noch machbar. „Na klar verdient der Staat daran“, meint er. „Und nicht nur der Staat – die Scheichs doch auch.“ Er lacht kurz, steigt ein und fährt weiter.
Dass nicht alles an der deutschen Politik hängt, sehen einige an der Zapfsäule durchaus auch so. Die hohen Preise haben mit dem Ölmarkt zu tun, mit Krisen, mit Kriegen. Einer der Fahrer sagt: „Ist mir schon klar, dass das nicht alles Deutschland ist. Wenn der Ölpreis hochgeht, kann die Politik auch nicht zaubern. Aber zahlen müssen wir’s trotzdem.“ Genau das ist der Punkt: Die große Weltlage mag den Preis treiben – an der Zapfsäule steht am Ende trotzdem der, der zur Arbeit muss.
Ein 20-Jähriger mit Hybrid- und Erdgasauto rechnet sachlicher. Nils B., Student, arbeitet nebenbei als Kassierer. Erdgas spüre er kaum, sagt er, aber bei Benzin merke er die Preise sofort. „20 Euro in der Woche gehen extra drauf.“ Für jemanden mit Nebenjob sei das schon viel Geld. „Da überlegst du dir zweimal, ob du noch mal losfährst.“ Dann zuckt er mit den Schultern. „Ist halt so. Aber nervt.“
Rechnen, fluchen, trotzdem fahren
Neben der nächsten Säule steht ein Student und wartet, bis der Tank voll ist. Er schaut aufs Handy, dann wieder auf die Anzeige. „Früher hab ich nicht drauf geachtet“, sagt er. „Jetzt schon.“ Er würde lieber öfter Bahn fahren. Mit den Öffentlichen brauche er jedoch etwa eine Stunde zur Arbeit, mit dem Auto sei er in knapp 35 Minuten da. „Und wenn du jeden Tag arbeitest, überlegst du dir das halt.“ Billig sei es trotzdem nicht. Er schaut auf die Anzeige, schüttelt kurz den Kopf. „Früher hab’ ich einfach getankt. Jetzt guckst du jedes Mal drauf.“
Genau da liegt das Problem an diesem Nachmittag an der Heerstraße. Für viele ist das Auto kein Luxus, sondern Alltag. Sie können rechnen, sie können fluchen, sie können den Kopf schütteln – stehen lassen können sie den Wagen trotzdem nicht.
An der Heerstraße passt die große Politik in drei Sätze: „Ist halt scheiße.“ „Ärgerlich und kriminell.“ „Manchmal braucht man’s halt.“
Und während in Berlin neue Regeln geplant werden, bleibt hier erst mal alles wie immer: zahlen, einsteigen, weiterfahren. Getankt wird trotzdem.