Anwohner wehren sich gegen Hochhäuser am Gleisdreieck: „Die bauen nicht für uns!“ |
Vergangenen Montag hat der Ausschuss für Stadtentwicklung im Berliner Abgeordnetenhaus den Bebauungsplan „Urbane Mitte Süd“ beschlossen. Auf dem Gelände, einst ein Güterbahnhof, könnten in einigen Jahren zwei Hochhäuser realisiert werden – eines mit knapp 50 Metern Höhe und ein weiteres mit etwa 25 Metern. Nach den jüngsten Vereinbarungen zwischen Senat und Investor sind dort unter anderem ein Hotel, Angebote für „Wohnen auf Zeit“ sowie Studierendenapartments vorgesehen. Damit rückt der Baubeginn des Projektes nach Jahren näher.
Am nördlichen Teil wird weiterhin geplant. Dabei soll nicht nur gewerblicher Raum, sondern auch bezahlbarer Wohnraum entstehen, fordert der Senat. Damit unterscheidet sich dieser vom Südteil. Einen rechtskräftigen Bebauungsplan gibt es dort allerdings noch nicht. Wie groß der Fokus auf Wohnfläche letztlich sein wird, ist ebenfalls noch unklar.
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Der Südteil ist also nur ein Teil des großen Bauvorhabens „Urbane Mitte“ am Gleisdreieck. Der jetzige Beschluss ist dennoch der erste große Schritt seit vielen Jahren. Ob das eine gute Nachricht ist? Viele Anwohner sind noch skeptisch.
„Bitte kein Matcha-Latte-Viertel“
Die Gesamtentwicklung am Gleisdreieck bleibt politisch umstritten und technisch komplex – vor allem wegen Lärm, Grünflächenkonflikten und anderen Stadtplanungsfragen. Jule G. ist eine Anwohnerin, die regelmäßig im Park unterwegs ist. Die studierte Stadtplanerin findet es zwar gut, dass der teils leer stehende Raum wieder genutzt werden soll, hat aber auch Angst vor einer möglichen Gentrifizierung ihres Viertels. Ihre Befürchtung: Die Mieten steigen und einkommensschwächere Anwohner könnten verdrängt werden. Man brauche kein weiteres „Matcha-Latte-Viertel“, sagt sie.
Andere Anwohnende machen sich Sorgen über möglichen Lärm im Viertel, wenn am Gleisdreieck weitere Hotels und Restaurants öffnen. Auch befürchten sie, dass die Bauten ihnen die Sonne im Park rauben. Ein Nachbar hofft außerdem, dass nicht das „Gefühl von Nachbarschaftlichkeit“ verschwindet. Auch der Verlust öffentlicher Plätze, wie des Café Jules und der BRLO Brauereischänke, sorgt für kein gutes Verhältnis zwischen der Berliner Baupolitik und den Bürgern.
Anwohner über das schlechte Image des Projektes
Für großes Unverständnis sorgt vor allem die geplante Nutzung der südlichen Gebäude. Büroflächen, Gewerbe und Hotels gibt es laut einigen Befragten bereits mehr als genug, stattdessen wäre vor allem der soziale Wohnungsbau deutlich dringlicher. „Ich glaube, Leute wären schon bereit, Fläche oder Erholungsgebiete abzugeben, wenn es für Sozialwohnungen wäre. Aber die bauen nicht für uns“, begründet Julia H. das schlechte Image des Großbauprojektes.
Dass die nun doch geplanten Wohnungen im Norden tatsächlich für „normale Menschen“ bezahlbar sein werden, bezweifeln einige. Die Begründung des Bauunternehmens, dass klassischer Wohnungsbau aufgrund von Lärmlast im Südteil durch die Bahn nicht möglich sei, weist Elke G. zurück: Sie wohne selbst neben Gleisen – das Argument sei nur vorgeschoben und ein weiteres Indiz, dass es sich wohl nicht um Wohnungsbau für die breite Gesellschaft, sondern für wenige Wohlhabende handele.
Jahrelange turbulente Planungsphase
Seit über einem Jahrzehnt laufen konkrete Planungen für die neue Skyline „Urbane Mitte“ in Tempelhof-Schöneberg, grundsätzliche Pläne existieren sogar schon seit über zwanzig Jahren. Doch das Projekt wird seit Jahren von politischen und rechtlichen Streitigkeiten ausgebremst.
Die Planungen waren über Jahre umstritten und verzögert. Zuständig war zunächst der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der die Vorhaben kritisch begleitete. Um den Stillstand zu beenden, übernahm der Berliner Senat die Planungshoheit – ein Schritt, der erneut politischen Streit und rechtliche Fragen zur Zuständigkeit auslöste.
Die Projektgesellschaft Urbane Mitte Besitz S.à.r.l. hat gegen Kritiker, wie Blogger und lokale Initiativen, Unterlassungsklagen eingereicht. Einige dieser Klagen wurden vor Gericht verhandelt und teilweise zurückgewiesen, etwa gegen einen Architekten und Blogger, der gegen die Hochhäuser argumentierte. Vorwürfe kamen auf, man wolle kritische Stimmen mundtot machen.
Das Projekt stützt sich auf einen Rahmenvertrag aus dem Jahr 2005. Dieser gilt als stark veraltet und unpassend zu aktuellen politischen Zielen Berlins. Es besteht daher die rechtliche Frage, wie weit Berlin an diesen Vertrag gebunden ist. Sollte kein Baurecht geschaffen werden, drohen Berlin laut früheren Berichten Schadenersatzforderungen durch die Eigentümerin.
Die Bürgerinitiative Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V. kritisiert seit Jahren die Bebauung am Gleisdreieck-Park, bemängelt fehlenden Wohnraum und negative Folgen für Klima und Nachbarschaft. Sie organisierte bislang zahlreiche Proteste.