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Stefan Aust: „Twittern heißt, nach zwei Glas Wein Quatsch in die Welt zu setzen“

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25.09.2021

Berlin - Stefan Aust begrüßt den Reporter im Foyer des neuen Springer-Gebäudes, auch Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt (#FerarrisForFuture) sagt im Aufzug kurz Hallo - er ist furchtbar nett! In der architektonischen Real-Vision von Rem Koolhaas erinnert alles an einen futuristischen Co-Working-Space. In den modernsten Redaktionsräumen der Welt hat selbst Aust kein eigenes Büro. Im Jahr 1968 beobachte Aust zusammen mit Ulrike Meinhof die Blockade der Springer-Druckerei, heute engagiert er sich bei der Welt als Herausgeber. Wir haben mit dem Journalisten über den Wahlkampf und die Höhepunkte der Ära Merkel gesprochen.

Sie waren zwölf Jahre Chefredakteur des Spiegel und sind seit 2014 Herausgeber der Welt. Sie sind damit quasi ein Dinosaurier des Journalismus und haben die guten Zeiten erlebt. Ich habe Sie Sonntag, den 19. September im ARD-Presseclub gesehen und zwischenzeitlich bekam ich das Gefühl, dass Sie da kaum zu Wort gekommen sind.

Ich bin diesen professionellen Quasselstrippen nun mal nicht gewachsen, weil ich nicht so diskussionserfahren bin und das auch gar nicht sein will. Ich bin nicht in der Studentenbewegung gewesen und habe Grundsatzdiskussionen geführt, dass ist nicht mein Ding. Das habe ich auch in meiner Autobiographie geschrieben, ich habe eher so am Straßenrand gestanden und mir das alles angeguckt und meine Geschichten drüber gemacht. Deswegen überlege ich mir auch sehr genau, ob ich an Talkrunden teilnehme. Im Augenblick mache ich eine ganze Menge, weil es gut ist, präsent zu sein, wenn man ein Buch geschrieben hat. Aber ich muss mich nicht ständig in den Vordergrund drängen, um in knatterndem Tonfall Monologe zu halten … Ich bin nicht so ein Diskussionsredner.

Ist die Diskussionskultur in Deutschland heute eine andere? Der Presseclub ist eigentlich ein wunderbares Format, und wenn man sich an den Internationalen Frühschoppen erinnert …

… der hat den Teilnehmern die Sache sehr erleichtert, indem sie erstens rauchen und zweitens Wein trinken konnten. Wenn Sie heute nur ein Glas Wein trinken, ist die Gefahr groß, dass Sie einen falschen Satz sagen. Jeder Satz kann immer aus dem Zusammenhang gerissen und durchs Internet geschleift werden, und deswegen muss man vorsichtig sein.

Liegt das am Internet oder an einer mangelnden Debattenkultur?

Es liegt vor allem daran, dass es eine technische Möglichkeit gibt, Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen und ins Internet zu stellen. Wenn Sie bei Werner Höfer beim Internationalen Frühschoppen etwas gesagt hätten, was politisch inkorrekt ist, obwohl es den Begriff damals noch nicht gegeben hat, dann wurde es in gravierenden Fällen allenfalls am nächsten Tag in den Zeitungen besprochen. Aber dass jeder etwas rausschneiden und hochladen kann, das hat es nicht gegeben.

Aber es gab schon diesen Schlagzeilen-Journalismus.

Das ist ein gewaltiger Unterschied, ob sie als Redakteur dasitzen und erstmal etwas schreiben müssen. Die Schwelle, eine Schlagzeile zu formulieren, liegt viel höher als einfach irgendetwas ins Internet zu setzen. Das geht auch in einer rasenden Geschwindigkeit.

Liegt das nur an der Technik oder sind die Leute empfindlicher geworden?

Das ist vor allem eine technische Frage. Das ist ein Unterschied wie zu Fuß gehen oder ins Auto steigen. Der Kommunikationsverstärker Internet verändert das Verhalten der Leute. Passen Sie mal auf, ich zeige Ihnen das mal. (Stefan Aust holt sein Telefon hervor.) Gucken Sie mal hier: Ich folge 23 Leuten und ich habe 76.487 Follower. Irgendwo steht auch, mit wie vielen Tweets man das geschafft hat. Dabei mache ich ganz wenig. Und das Posting vom Presseclub habe ich nur retweeted, weil die das wollten.

Die Berliner Zeitung am Wochenende hat nachgezählt: Seit 2015 hat Stefan Aust 119 Tweets verfasst oder andere Beiträge geteilt. Seine erste Wortmeldung auf Twitter stammt vom 21. Oktober 2015: „Nachdem mehrere Leute unter meinem Namen unsinnige Mitteilungen verschickt haben, werde ich das jetzt selbst übernehmen.“

Ich möchte nicht in der Situation sein wie viele Leute, die abends nach zwei Glas Wein irgendeinen Quatsch in die Welt setzen und am nächsten Morgen denken: ‚Um Gottes Willen, was habe ich denn da gemacht?‘. Es würde mich nicht wundern, wenn die Hälfte der Leute, die tweeten oder twittern – wie nennt sich denn die Tätigkeit? –, das so machen.

Ich bin mir selbst nicht sicher, ich glaube auf Deutsch sagt man twittern.

Also gut, dann twittern. Ich würde mal behaupten, dass die Hälfte der Leute, die twittern, zu der Zeit nicht mehr Auto fahren sollten.

Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, man lebt in erregteren Zeiten. Ob und wann Armin Laschet lacht, spielt eine große Rolle.

Deshalb würde ich mich davor hüten, Politiker zu werden. Politiker werden heute in jedem Moment mit den Handys der Leute überwacht. Dieser Ausrutscher von Laschet, weiß der Deibel was das war. Ich habe mir die berührende Veranstaltung in New York zum Gedenktag von 9/11 angeschaut, da haben sich die Politiker auch getroffen und gelächelt oder sogar gelacht und geredet. Man kann gegen Laschet das eine oder andere sagen, keine Frage. Aber dass das dann plötzlich der absolute Sündenfall war – das finde ich abenteuerlich. Und dann kommt eben dabei raus, dass sich die Politiker so verhalten wie Frau Merkel es die ganze Zeit gemacht hat. Nämlich möglichst wenig sagen und scheel gucken. Scholz ist ein Musterbeispiel dafür: Das einzige Mal, dass ihm mal was entglitten ist, war,........

© Berliner Zeitung


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