We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Ende der Legende vom Einzeltäter

1 4 0
25.07.2021

Das Jahr 1980 ist als „braunes Terrorjahr“ in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen: Von Januar bis Mitte Dezember starben bei rechtsterroristischen Anschlägen – darunter dem Oktoberfest-Attentat von München – 18 Menschen, Hunderte wurden zum Teil schwer verletzt. Für die Todesopfer 19 und 20 jenes Terrorjahres sorgte am Heiligabend 1980 der deutsche Neonazi Frank Schubert aus Frankfurt am Main. Bei einem missglückten Waffenschmuggel erschoss er an der Grenze zu Deutschland die Schweizer Polizeibeamten Josef Arnold und Walter Wehrli, bevor er sich nach einem Feuergefecht mit der Polizei selbst richtete.

Der Fall Schubert ist bis heute eines der rätselhaftesten Verbrechen deutscher Neonazis. So sieht es auch die Historikerin Barbara Manthe von der Uni Bielefeld, die ein Forschungsprojekt zur Geschichte des bundesdeutschen Rechtsterrorismus führt. Aus ihrer Sicht gibt es in diesem Fall noch viele ungeklärte Fragen, auch sei die Einzeltäter-These fraglich. Tatsächlich legten die Ermittler damals keinen großen Elan in die Aufklärung der Tathintergründe, weil der Täter sich erschossen hatte. Schubert wurde als fanatischer Einzeltäter abgetan, die Akte schon bald geschlossen.

Aus bislang unbekannten Schweizer Ermittlungsakten und Informationen des Verfassungsschutzes, die hier erstmals ausgewertet werden, ergibt sich jedoch ein neues Bild der Vorgänge. Demnach gehörte Schubert im Jahre 1980 einer rechten Terrorzelle in Frankfurt am Main an, die Attentate auf hochrangige Politiker und Strafverfolger plante. Auf seiner Reise in die Schweiz kurz vor Weihnachten wollte er Waffen nach Deutschland holen, mit denen ein Anschlag auf einen hessischen Spitzenpolitiker durchgeführt werden sollte. Auffällig ist im Rückblick, dass die Mitglieder der Terrorgruppe wegen ihrer Anschlagsplanung nie zur Verantwortung gezogen wurden. Was möglicherweise daran gelegen haben könnte, dass der Verfassungsschutz einen Informanten in diese Terrorzelle eingeschleust hatte – wären dessen Informationen in Polizei- und Gerichtsakten aufgetaucht, hätte man ein Auffliegen der hochrangigen Quelle riskiert.

Indizien dafür finden sich in einer Ermittlungsakte der Schweizerischen Bundesanwaltschaft, die im Berner Bundesarchiv aufbewahrt wird. Nach dem Polizistenmord am Heiligabend 1980 hatten Strafverfolger und Geheimdienste aus Deutschland und der Schweiz über Jahre hinweg ihre Erkenntnisse über Schubert und dessen Komplizen in der rechtsterroristischen Szene von Deutschland, Frankreich und der Schweiz ausgetauscht.

Neue Polizei-StatistikRechtsextremismus in Berlin: Die Taten, die Täter, die Tatorte

Frank Schubert, 1957 in Ost-Berlin als Kind eines Lehrer-Ehepaares geboren, war 1977 aus der DDR in den Westen geflüchtet. Im Westen kam der 20-Jährige zunächst bei Verwandten in Berlin-Spandau unter. Doch die rechte Szene in der Frontstadt war dem Karatekämpfer mit Schnauzbart und streng gescheiteltem Haar nicht radikal genug. So ging er nach Frankfurt am Main, jobbte als Kellner und Gärtnergehilfe, bezog eine Wohnung in der Hanauer Landstraße 497. Im Nazi-Buchladen vom Verlag Volk und Kosmos GmbH im Stadtteil Bornheim, der damals das Zentrum der braunen Frankfurter Szene war, geriet er mit radikalen........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play