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Der Genitiv steht auf der Liste bedrohter Arten

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19.03.2019

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Eine Rote Liste ist eine Aufzählung bedrohter Arten, die von der Erde und aus unserem Leben verschwunden sind oder verschwinden werden, wenn wir nicht sofort und mit großer Kraftanstrengung alles für ihre Erhaltung tun. Der WWF führt etwa den Blauwal, den Brillenbär und die Echte Bärentraube auf, der Autor und Entertainer Bastian Sick den Genitiv.

Der Genitiv, der zweite Fall oder Wes-Fall, ist nicht vom Klimawandel bedroht, sondern vom Dativ, dem dritten Fall. Sicks Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ klingt dramatisch wie ein „Tatort“-Reißer, wenn stilistisch auch ein wenig nach Klein Gustav. Doch damit lassen sich Bestseller-Listen stürmen und die Säle füllen. Wenn wir Deutschen aufgefordert werden, etwas zu retten, und sei es die Grammatik, dann strömen wir herbei mit dem Duden in der Hand und dem „Zauberberg“ im Sinn. Die Zielsetzung ist klar: Der Genitiv darf nicht sterben.

Ein besonders pralles Leben hat er nie geführt. Manche kennen ihn nur als Flexionsendung. Auch als Objekt, als Satzergänzung, führt er ein Nischendasein. Akkusativobjekte (Frage: wen oder was?) gibt es wie Sand am Meer, aber echte Genitivobjekte (Frage: wessen?) sind selten und werden immer weniger, sodass sie heute schon gestelzt klingen. Den Rest frisst der Dativ, da hat Bastian Sick recht. Verben wie „sich schämen“ („Der Schüler schämt sich seiner Fehler“) oder „bedürfen“ bedürfen des Genitivs als Ergänzung – in der Praxis aber vor allem das Verb „gedenken“.

Immer wenn ein Gedenktag naht, beschleicht mich eine Unruhe, ob auch im Genitiv gedacht werden wird. Wir gedenken nicht „ihm“, sondern „seiner“. Nach wie vor gibt es Grund zum Zusammenzucken, wenn aus dem Fernsehapparat tönt: Der Bundestag gedenkt „dem“........

© Berliner Morgenpost