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Jan Böhmermann und schwarze Listen

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01.04.2019

Neulich hat mich Jan Böhmermann bei Twitter geblockt. Der Comedian mochte meinen Tweet nicht: «Ein Satiriker blockt alle, die sich über IHN lustig machen. Nebst Hyperempfindlichkeit verrät das auch einiges über Stehvermögen. Und Grösse.» Hintergrund meiner Bemerkung war, dass Böhmi mit der Routine einer Vollblut-Mimose bei Twitter alle blockt, die sich kritisch über ihn äussern. Mit Blocken schliesst man unliebsame Follower aus, sie können dann nichts mehr von einem lesen. Persönlich habe ich noch nie jemanden geblockt, trotz Beleidigungen und all dem Mist.

Böhmi blockt nicht nur wahnsinnig gerne, der ZDF-Mitarbeiter erstellt auch Listen von Personen, die man blocken sollte. Mit der Aktion «Reconquista Internet», die er in seiner ZDF-Show lancierte, wolle er rechte und rechtsradikale Trolle und Hater im Internet bekämpfen. Die Liste mit den bösen Twitter-Accounts verbreitete er anfangs Mai bei Twitter.

Weil im aktuellen Deutschland ja jeder, der politisch eher rechts oder konservativ oder liberal-konservativ ist, auf derselben Stufe steht wie ein Total-Nazi, finden sich auf Böhmis Liste nebst echten rechtsextremen Trollen auch unzählige Twitter-Konten von kritischen Zeitgenossen wie etwa dem Philosophen Dushan Wegner oder Verleger Roland Tichy. Listenhunde gibt’s schon lange, neu gibt’s auch Listenmenschen. Böhmi, bravo.

Die Deutschen stehen auf Ketzer-Verzeichnisse

Böhmi ist nicht der einzige, den schwarze Listen in einen Zustand heldenhafter Überlegenheit versetzen. Die Deutschen stehen auf Ketzer-Verzeichnisse. Wie sonst lässt sich erklären, dass sich diese öffentlichen Pranger, die ideologisch Abtrünnige zum Schweigen bringen sollen, verbreiten wie unbehandelter Ausschlag? Vergangenes Jahr erstellte das Online-Lexikon Agentin*In eine Liste mit angeblichen «Gegnern des Islam», «Gegnern der Homosexuellen», und der Genderforschung. Hier fand man Autoren wie Alexander Kissler, Birgit Kelle, Matthias Matussek und auch........

© Basler Zeitung