menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Bloß keine Frau Steinmeier!

22 0
04.03.2026

Der denkbar größte Belastungstest bleibt der Republik erspart. Angela Merkel als erste Bundespräsidentin: das wäre nicht nur Wasser auf die Mühlen der AfD, die bis heute von den Folgen ihrer laxen Migrationspolitik zehrt. Friedrich Merz müsste sich bis zur Selbstverleugnung verbiegen, um seiner alten Rivalin ins höchste Staatsamt zu verhelfen. Zum Glück weiß auch die Altkanzlerin das – und hat alle Spekulationen, sie reize die Steinmeier-Nachfolge, früh dementiert

An der Ausgangslage ändert sich dadurch nichts. Nach zwölf Männern im Amt sind sich die Parteien weitgehend einig, dass jetzt eine Frau an der Reihe ist – eine Frau, auf die sich Union und SPD bis zur Wahl am 30. Januar verständigen müssen, weil sie zusammen aller Voraussicht nach eine Mehrheit in der Bundesversammlung haben werden. Und eine Frau idealerweise, die nicht so klingt und tickt wie Frank-Walter Steinmeier, der ein solider, aber kein inspirierender Präsident ist. Ein langes Leben in der Tagespolitik, wie er selbst es hatte und vor ihm auch ein Johannes Rau oder ein Christian Wulff, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ein neues Staatsoberhaupt mit ins Amt bringen sollte. Es zwingt einen, in Kompromissen zu denken, es ermüdet und es betrachtet die Präsidentschaft vor allem als Fleißbildchen für eine lange politische Karriere und weniger als intellektuellen und integrierenden Auftrag.

Eine Frau jenseits der Tagespolitik wäre die Idealbesetzung

Die Idealbesetzung für Schloss Bellevue wäre eine Frau jenseits der Tagespolitik, klug, eloquent und fest in der politischen Mitte zu Hause. Solche Kandidatinnen hat es bei früheren Wahlen bereits gegeben, etwa die Thüringer Wissenschaftlerin Dagmar Schipanski, die 1998 von der Union nominiert wurde und gegen Rau unterlag, oder die Liberale Hildegard Hamm-Brücher, die vier Jahre zuvor gegen Roman Herzog angetreten war. Im gegenwärtigen Kandidatinnenkarussell allerdings fehlen solche unabhängige Frauen bisher, auf ihm sitzen vor allem Politikerinnen, die eher in das Steinmeier-Schema passen: Lange dabei und auch außerhalb der CSU vermittelbar wie die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die Ex-Ministerinnen Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Familienministerin Karin Prien.

Aus diesem etwas eindimensionalen Bild heraus sticht allein die Juristin und Autorin Juli Zeh, gegen die jedoch zwei Argumente sprechen: Sie ist Mitglied der SPD, die der deutlich stärkeren Union wohl kaum eine eigene Kandidatin aufzwingen kann, und sie würde, wie sie selbst sagt, aus familiären Gründen lieber erst zur nächsten oder übernächsten Wahl antreten.

Mit Seiteneinsteigern ist Deutschland bisher gut gefahren

In jedem Fall ist Deutschland mit Seiteneinsteigern an der Spitze des Staates bisher durchweg gut gefahren. Horst Köhler war ein unbequemer, fordernder Präsident, der sich beherzt in innenpolitische Debatten einmischte und den Blick vieler Deutscher für das Leid in Afrika schärfte. Joachim Gauck, der Freigeist, gab dem Amt nach dem Rücktritt von Wulff seine Würde zurück, ein brillanter Redner, souverän nach außen und streitbar nach innen. Und Roman Herzog, obschon in einem früheren Leben Landesminister in Baden-Württemberg, konnte seine berühmte Ruck-Rede nur deshalb so halten, weil er nach seinem zwischenzeitlichen Aufstieg an die Spitze des Verfassungsgerichtes genügend Abstand zum Kleinklein der aktuellen Politik hatte.

Irgendwo in Deutschland gibt es auch eine Frau Köhler, eine Frau Gauck oder eine Frau Herzog. Man muss sie nur wollen - und finden.

Rudi Wais Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Frank-Walter Steinmeier Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Präsidentschaft Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis


© Augsburger Allgemeine