We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Willkommen in der Postdemokratie!

7 1 4
29.12.2017

Politiker, die auf keinen Fall Politiker sein wollen. Parteien, die sich als Listen tarnen. Schrille One-Man-Shows und mutlose Akte der Selbsterniedrigung. Eva Linsinger über das Wahljahr 2017 und seine Konsequenzen.

Hochnotpeinliche Ermittlungen des FBI, diplomatische Eklats: Vieles hat der US-Präsident, ein Mann von zweifelhaftem Ruf und mit überaus umstrittenen Methoden, mit der ihm eigenen Mischung aus Chuzpe und Derbheit ausgesessen. Doch dann stolpert er über sexuelle Übergriffe und muss unter Schimpf und Schande seinen Platz im Weißen Haus räumen.

Dieses schmähliche Ende ereilte nicht Donald Trump (der überstand sein "Pussy"-Gate), sondern Kevin Spacey, den Darsteller von Frank Underwood, dem amerikanischen Präsidenten in der Serie "House of Cards". Doch Fernsehserien und die tägliche Trump-Soap, Erdachtes und Erlebtes konnten heillos durcheinandergeraten in diesem irren Jahr, das Drehbuchschreiber und Politkabarettisten auf eine harte Probe stellte. Angesichts der Realität verblasste manchmal selbst die kühnste Fiktion. Wie soll man dadaistische Trump-Tweets toppen? Oder mit einer Wirklichkeit mithalten, die sich zusehends zur Dystopie entwickelt?

Dieser Artikel stammt aus profil 52/2017. Das aktuelle Heft können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.

2017 im Schnelldurchlauf. Jänner, Trump wird angelobt. Seither rätseln die Experten, ob der Anführer der freien Welt eher senil, irre oder schlicht ahnungslos ist - und welche der drei Varianten am gruseligsten anmutet. - März, Wahlen in den Niederlanden. Die traditionellen Großparteien zerbröseln, getrieben vom Rechtspopulisten Geert Wilders, und es dauert ganze sieben Monate, bis endlich eine neue Regierung gebildet wird; wegen ihrer hauchdünnen Mehrheit von nur einer Stimme ist sie jedoch mit einem Ablaufdatum versehen. - Im Mai triumphiert in Frankreich Emmanuel Macron mit seiner Bewegung "En Marche" über das alte Parteienschema. Mittlerweile ist die Begeisterung für den Neuen auch schon wieder passé, die Zustimmungsraten dümpeln bei 38 Prozent. - Im September hat Deutschland ein Rendezvous mit dem Rechtspopulismus: Die AFD zieht in den Bundestag ein. Seither sträuben sich alle Parteien, mit Angela Merkel zu regieren - wohlgemerkt in einem Staat, in dem die Konjunktur brummt, satte Budgetüberschüsse erwirtschaftet werden und die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie nie seit der Wiedervereinigung. Trotzdem will die SPD die Große Koalition nicht fortsetzen, weil ihr bärbeißiger Vize-Obmann Olaf Scholz "negative Folgen für unsere Demokratie" sieht. FPD-Chef Christian Lindner wird im EU-Magazin "Politico" für sein Njet zur Jamaika-Koalition mit Platz eins unter den spannendsten Europäern geadelt. - Im Oktober schließlich Österreich: Ein 31-Jähriger, der sein ganzes Erwachsenenleben in der Politik verbracht hat, stilisiert sich als Erneuerer, benennt seine Partei in "Liste Kurz" um, übertüncht altes Schwarz mit neuem Türkis, plakatiert "Zeit für Neues" und überzeugt damit alle Missmutigen, denen "das Alte" schon lange auf die Nerven geht. Das vermeintlich "Neue" muss gar nicht konkretisiert werden. Egal was, Hauptsache anders!

Was passiert da gerade? Und wo führt es hin? Evident sind die beiden prägenden Motive, die diesseits und jenseits des Atlantiks das turbulente Wahlund........

© profil