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Wir sind zum Vertrauen verurteilt

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12.10.2018

Statistik sagt nie die ganze Wahrheit. Und manchmal lässt sich aus ihr kaum erkennen, wie es um eine Gesellschaft wirklich steht. Wenn man den Statistiken glaubt, ist unsere Welt von Misstrauen geprägt. Misstrauen gegenüber allem und jedem. Rund ein Drittel der Österreicher ist der Meinung, man könne den Medien nicht vertrauen. Mehr als die Hälfte der Deutschen zweifelt, ob ihr Geld bei einer Bank gut aufgehoben ist. Und jeder dritte Schweizer misstraut Muslimen. Das klingt dramatisch. Nur, fast siebzig Prozent der Österreicher lesen Tageszeitungen, so gut wie jeder Deutsche hat ein Bankkonto, und das Verhältnis der Schweizer zur muslimischen Bevölkerung ist im Alltag absolut unauffällig und entspannt.

Kein Grund zur Aufregung also? Nun, ganz unbegründet ist Misstrauen natürlich nicht: Journalisten machen Fehler, Banken gehen in Konkurs, die Terroranschläge, die die Welt erschüttert haben, wurden von militanten Muslimen verübt. Das prägt unsere Wahrnehmung, und es ist längst nicht alles, was unser Vertrauen auf die Probe stellt. Tagtäglich geschehen Unfälle und Verbrechen, es wird gelogen, betrogen, gestohlen, veruntreut, geraubt, gemordet, vergewaltigt, entführt und gefälscht. In den meisten Fällen von Menschen, denen wir die böse Absicht nie ansehen würden. Vorsicht ist zweifellos angebracht.

Doch Vorsicht ist nicht das Gleiche wie Misstrauen. Wer vorsichtig ist, hat grundsätzlich ein vertrauensvolles Verhältnis zur Welt, versucht aber, sich vor Gefahren zu schützen, mit denen er rechnen kann oder rechnen muss. Vielleicht auch vor Gefahren, die er bewusst auf sich nimmt. Misstrauen geht einen entscheidenden Schritt weiter: Es ist ein diffuses Unbehagen, eine unbestimmte Angst, die das, wogegen sie sich richtet, gar nicht benennen kann, weil sie es nicht kennt.

Ich misstraue einem Menschen, wenn ich glaube, ich wisse nicht, was ich von ihm zu erwarten habe. Vorsicht ist ein soziales Verhalten, Misstrauen ein existenziell beunruhigendes Gefühl. Die bange Erwartung, dass sich die Annahmen, die wir der Welt gegenüber hegen, als falsch herausstellen. Die Sorge, dass die Menschen nicht das tun und die Welt sich nicht so verhält, wie ich das vernünftigerweise erwarten darf.

Die NZZ beleuchtet im Oktober das Thema Vertrauen aus unterschiedlichsten Perspektiven. Dieser Beitrag gehört zu Staffel 2: «Wie Vertrauen zerbricht».

Alle bereits erschienenen Beiträge finden Sie auf der Übersichtsseite zur Serie. Am 19. Oktober erscheint die dritte Staffel: «Wie Vertrauen zurückkommt». Verpassen........

© Neue Zürcher Zeitung