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Von Bullen, Bären und Ökonomen – eine alternative Erzählung über die Finanzkrise

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11.10.2018

Nach einer Katastrophe wie der Finanzkrise 2008 fragt man: Wer ist schuld? Wie konnte das passieren? Wie können wir die Folgen eindämmen? Aus der Suche nach Antworten ergaben sich Standarderklärung und Therapie der Krise.

Leichtsinnige Banker in den USA hätten an nahezu mittellose Haushalte Wohnbaudarlehen vergeben (NINJA: «no income, no job, no assets»), diese zu Wertpapieren gebündelt (CDO: «collateral debt obligation») und weltweit verkauft, begünstigt durch öffentliche Fördermittel und niedrige Zinsen. Als diese zu steigen und die Immobilienpreise zu fallen begannen, wurden immer mehr Kredite faul: Schliesslich verloren fast 10 Millionen Haushalte ihr Heim, die CDO wurden wertlos. Die Lehman-Bank war das schwächste Glied in der Kette, ihre Pleite löste eine Schockwelle aus, welche die ganze (Finanz-)Welt erfasste.

Darauf rettete die Politik die (meisten) übrigen Banken und schnürte Konjunkturpakete; der stärkste Wirtschaftseinbruch der Nachkriegszeit war jedoch unvermeidlich. In Europa begann man schon 2010, die enorm gestiegene Staatsverschuldung durch eine Sparpolitik zu bekämpfen, die Wirtschaft stagnierte darauf fast zehn Jahre lang und schrumpfte in Südeuropa. Denn «Finanzalchemisten» begannen ein neues Spiel, das Wetten auf den Staatsbankrott. Um die Märkte zu beruhigen, schnallte die Politik die Gürtel der Bürger immer enger.

Dieses Narrativ beschreibt die laufenden Ereignisse, ihre Ursachen liegen aber tiefer, nämlich in der Preisdynamik auf den freiesten Märkten von Aktien, Anleihen, Devisen, Rohstoffen und Immobilien: Ihre Werte schwanken in einer Abfolge von Bullen- und Bärenmärkten. Im ersten Fall steigen die Preise/Kurse über mehrere Jahre übermässig an, im zweiten Fall sinken sie. So sind die Aktienkurse in den USA zwischen 1995 und 2000 fast auf das Dreifache gestiegen und danach nahezu ebenso stark gefallen. Das bedeutet: Im Boom werden Aktienbesitzer «reicher», danach machen Bären sie wieder ärmer.

Solche Bewertungsänderungen beeinflussen die Realwirtschaft: Wer reicher wird, spart, er freut sich auf eine höhere Pension (wenn kapitalgedeckt), der Konsum boomt, und das nährt wiederum die Bullen. Wenn die Kurse fallen, schmilzt das «fiktive Kapital» (Marx) weg und die Realwirtschaft schlittert in eine Krise.

Schon ein ausgewachsener «Bär» hat erhebliche Folgen für die Realwirtschaft, aber drei grosse «Bären» auf einen Fleck waren zu viel.

Während der Berg-und-Tal-Fahrt vollzieht sich ein Umverteilungsprozess: Wer rechtzeitig ein- bzw. aussteigt, der gewinnt (als Gruppe die Profis), wer zu spät kommt, der verliert (als Gruppe die Amateure). Gedankenexperiment: Wenn der Wert aller Aktien am Anfang und am Ende der Fahrt gleich wäre, gibt es insgesamt keine (Bewertungs-)Gewinne, doch die Vermögen der Profis sind gewachsen, jene der Amateure geschrumpft.

Bei Rohstoffen verschiebt ein Bullenmarkt Einkommen von den Verbraucher- zu den Produzentenländern, Erstere schränken........

© Neue Zürcher Zeitung