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Haben die Griechen aus der Krise etwas gelernt?

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18.11.2017

Wenn man einen Griechen fragt, wie lange die Krise im Land schon dauert, dann antwortet er: acht Jahre. Auf diese Zeitspanne kommt man, wenn man den Beginn der Krise im Jahr 2010 ansetzt. Bereits in den ersten Monaten gab es Sparmassnahmen, dann folgten die Serien der Memoranden.

Die Mehrheit der Griechen ist fest davon überzeugt, dass ihr Leid von der EU und zumal von Deutschland verursacht wurde. Diese Mehrheit hat im Volksentscheid von 2015 zu 63 Prozent mit Nein gestimmt, angeblich um den Europäern eine Lektion zu erteilen.

Eine Minderheit der Griechen glaubt, dass die Ursprünge der Krise in der Periode zwischen 2004 und 2009 liegen. Tatsächlich hat die damalige Regierung unter Kostas Karamanlis fleissig von der Krise der griechischen Staatsfinanzen abgelenkt und die desaströse Lage eisern verschwiegen.

Nur wenige sind wie ich der Meinung, dass die Krise bereits während der Zeit des fiktiven Reichtums, in den achtziger und neunziger Jahren, über uns gekommen ist. Es war die Zeit der grosszügigen EWG- und EU-Subventionen, die hauptsächlich an ein Staats-Klientelsystem verteilt wurden. Die Folge war ein Scheinwohlstand, der nicht allein durch Hilfsgelder, sondern auch durch grosszügige Bankkredite erzeugt wurde.

Der Höhepunkt des Laisser-faire war das grosse Fest der Olympischen Spiele von 2004 in Athen, die zum Grossteil ebenfalls durch Kredite finanziert wurden. Sechs Jahre später kam die Krise, die unser Leben radikal veränderte.

Es stellt sich die Frage: War die Griechenland-Krise eine Lektion, die sich jemand zu Herzen genommen hat? Woraus sich drei Unterfragen ergeben: Haben die Griechen aus der Krise etwas gelernt? Hat die griechische politische Klasse aus der Krise gelernt? Haben die Europäer durch die griechische Krise etwas über die Griechen gelernt?

Als ich mich 1964 aus dem Ausland kommend in Athen niederliess, lernte ich ein Land kennen, das viel ärmer war als heute. Es gab keinen Mittelstand, der mit dem europäischen Mittelstand vergleichbar war. Die Bevölkerung bestand aus Bauern, Kleinunternehmern und Kleinbürgern, von denen die meisten im öffentlichen Dienst arbeiteten.

Die Griechen von damals waren Überlebenskünstler. Die ersten Generationen nach dem Bürgerkrieg entfalteten ihre gesellschaftliche Wirkungsmacht, und die Menschen waren froh, dass sie das Schlimmste überstanden hatten. Sie konnten mit ihren spärlichen Mitteln anständig leben und sich........

© Neue Zürcher Zeitung