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Neue Regelungen rücken den Sex in die Nähe des Verbrechens

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12.07.2018

Es ist Sommer, es läuft Fussball, es fliesst Alkohol. Anna und Jonas, zwei Endzwanziger, lernen sich beim Public Viewing kennen, sie verbringen einen Abend zusammen, später eine Nacht, der Sex ist nicht berauschend, aber so ist das halt manchmal. Einige Wochen darauf laufen sie sich an einer Geburtstagsparty wieder über den Weg, wieder sind beide gut betrunken, wieder sind sie irgendwann im Bett. Viel wissen sie nachher nicht mehr davon. Noch auf der Feier, sagen Freunde, habe Anna Jonas geküsst; er meint auch, dass sie ihn zum Kondomholen animiert und während des Akts genickt habe, sie dagegen erinnert sich an seine klammernden Hände und ihre Machtlosigkeit während 1380 durchgezählter Sekunden. War das eine Vergewaltigung?

Zunächst einmal ist das Literatur. Die Szene stammt aus dem Debüt der Autorin Bettina Wilpert, die in ihrem Roman «Nichts, was uns passiert» zwei Menschen in die soziale Hölle führt – wer «recht» hat und wer «lügt», kann weder das Umfeld der Protagonisten noch die Leserin wissen, doch selbstverständlich hat jeder eine Meinung, und am Schluss muss der Staatsanwalt eine Entscheidung treffen. Gute Literatur steht manchmal mitten im Leben: Mit Fällen à la Anna und Jonas haben sich auch reale Gerichte zu befassen, und Verschärfungen des Strafrechts machen es ihnen nicht leichter, «richtige» Urteile zu fällen. Das jüngste Beispiel bietet Schweden. Soeben ist dort eine neue Regelung in Kraft getreten – seit dem 1. Juli ist in dem nordischen Land nur noch «einvernehmlicher» Sex zugelassen.

Das klingt erst einmal sehr vernünftig: Natürlich ist es erstrebenswert, eine Gesellschaft zu haben, in der sich Männer und Frauen (oder Menschen in jeder anderen Kombination) respektvoll und gleichberechtigt darüber verständigen, was sie im Bett (oder an jedem anderen Ort) tun und lassen wollen. Implementiert man diesen Wunsch aber ins Strafrechtssystem, wird die Sache sofort komplizierter. Hier sind Voraussetzungen zu erfüllen und Delikte zu benennen, was im schwedischen Fall nun zur folgenden Ordnung führt: Jeder Sexualpartner muss dem Akt explizit – verbal oder nonverbal – zustimmen; fehlt diese Einwilligung, liegt laut neuem Sprachgebrauch eine «unachtsame Vergewaltigung» vor.

Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland, wo man 2016 zu einer «Nein heisst Nein»-Regelung gekommen ist und also festgehalten hat, dass auch eine verbale Zurückweisung als Gegenwehr und ihre Missachtung als Vergewaltigung gilt, gehen die Schweden damit einen Schritt weiter. Sie verankern ein........

© Neue Zürcher Zeitung