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Abkehr von Europa

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12.07.2018

Seinen Apotheker hielt Aaron de Haas immer für einen intelligenten Mann. Bis zum letzten Mal, als er ihn aufsuchte. Jahrelang hatten er und seine Frau Anne bei ihm ihre Medikamente gekauft. Nun wollte Aaron de Haas sich verabschieden. »Wir ziehen um – nach Israel«, erklärte er. Hinter seinem Tresen spitzte der Apotheker die Ohren.

»Nach Israel? Kommen Sie von dort?« Aaron verneinte. »Wir ziehen dorthin. Die Lage hier wird nicht besser, all dieser Antisemitismus.« Der Apotheker, schien es, hatte noch Erklärungsbedarf. »Nun, die Juden und das Geld ...«, setzte er an. Aaron de Haas hatte genug gehört. Wieder einmal. »Ich werde keine Diskussion mehr mit ihm beginnen«, dachte er und verabschiedete sich.

Einige Tage später stehen Aaron de Haas, 79, und seine Frau Anne, 58, vor dem Haus, das nicht mehr das ihre ist. Ganz aus Holz ist es und liegt in Elten, einem Randquartier von Emmerich, zwischen Arnheim und Duisburg. Wenige Kilometer weiter beginnen die Niederlande. 13 Jahre lang haben sie hier gewohnt.

Doch nun, an einem drückend warmen Tag Ende Juni, laufen seit dem frühen Morgen acht in Blau gekleidete Umzugshelfer ins Haus hinein und wieder heraus. Immer wieder, mit Möbeln und Kartons, Kartons und Möbeln. Der erste der beiden See-Container ist fast voll. Die Container werden nach Haifa verschifft. Von dort geht es weiter ins neue Zuhause der de Haas’ – nach Safed.

abschied Juden, die Europa verlassen, sind ein Thema, das zuletzt auch in großen Medien viel Aufmerksamkeit bekam. Anschläge auf jüdische Einrichtungen, zahlreiche körperliche Angriffe und Bedrohungen, bis hin zum antisemitischen Mord an der Pariser Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll – all dies hat die öffentliche Wahrnehmung geschärft.

Dass auch das Psychologenpaar de Haas seine Erfahrungen gemacht hat, kann man sich nach der Anekdote mit dem Apotheker denken. Doch es ist nicht so, dass hier zwei gebrochene Menschen ihre Siebensachen packen. »Wir wollen hier weg, aber wir wollen auch dort hin«, präzisiert Aaron. Seine Frau antwortet auf die Frage, ob die beiden bereit für den großen Schritt sind: »Seit Jahren schon!« Und lacht, aus vollem Herzen.

Es ist ein langer Prozess, der diesem Abschied zugrunde liegt – ein Mosaik der Entfremdung, bestehend aus zahlreichen Momenten von Ablehnung und Diskriminierung. Schockiert blickt Europa in dieser Zeit auf Gewalt gegen Juden, die sich vielerorts Bahn bricht, in einer Art, wie viele das nicht für möglich gehalten hätten. Oder........

© Juedische Allgemeine