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»In der Frühwache des Morgens«

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14.09.2017

Zürich, 5.45 Uhr in der Früh, die Straßen liegen ruhig und leer im Schein der Laternen da. Die ersten Anzeichen der winterlichen Kälte sind, obwohl der Herbst gerade erst begonnen hat, dank der frühen Tagesstunde und dem Fahrtwind auf dem Fahrrad deutlich zu spüren.

Dies sind meine ersten Erinnerungen an die besondere Zeit der Slichot. So werden die speziellen Zusatzgebete genannt, die in den Tagen vor und während der Hohen Feiertage zugeschaltet werden, in vielen Gemeinden als Auftakt des Tages noch vor dem Morgengebet. So auch in der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ), in der ich aufwuchs.

Die Gemeinde betrieb damals, gut 30 Jahre ist es inzwischen her, ein Slichot-Projekt für Kinder. Jedes Gemeindekind im Grundschulalter durfte daran teilnehmen und ein Formular von auserwählten Leuten ausfüllen lassen, auf dem täglich während der Slichot-Zeit aufgeführt war, ob man am Gebet teilgenommen hatte, pünktlich erschienen war und sich gut benommen hatte.

Taschenmesser Dies war angesichts der frühen Stunde und der Komplexität der ungewohnten und langen Gebetstexte keine leichte Herausforderung. Jedoch wurden diejenigen, welche durchhielten, mit einem Original Schweizer Taschenmesser belohnt.

Gleichzeitig war dieses Projekt für mich persönlich eine frühe Gewöhnung an die täglichen Gebete in der Synagoge. Die frühmorgendlichen Fahrradfahrten quer durch die noch dunklen Straßen und das tägliche Zusammentreffen mit vertrauten Gesichtern blieben seit dieser Zeit Teil meiner Kindheits- und Jugendnostalgie.

Vielerorts werden die Slichot in den frühen Morgenstunden vor dem Morgengebet gesagt. Dies ist eine besondere Zeit des himmlischen Wohlwollens, was im wunderschönen Pijut »beAschmoret haboker« des vierten Tages der aschkenasischen Slichot-Gebete zum Ausdruck kommt: »In der Frühwache des Morgens rief ich Dich an, gepriesener Allmächtiger ... erleuchte meine Dunkelheit, sodass wie das Licht des Morgens mein König und G’tt gepriesen werde, denn zu Dir bete und hoffe ich.« Auch die Zeit nach Mitternacht eignet sich für die Slichot-Gebete – sie wird von manchen Gemeinden bevorzugt. Umstritten ist die Zeit vor Mitternacht, sie wird aber von Rabbiner Moshe Feinstein gutgeheißen.

mozei schabbat Eine weitere besondere Erinnerung der Slichot-Tage verbindet mich mit dem ersten Bußgebet, welches am Mozei Schabbat kurz vor Rosch Haschana stattfindet. Die Bnei-Akiwa-Jugendbewegung, der ich angehörte, hatte den Brauch, gemeinsam von Zürich in die Nachbargemeinde nach Baden zu fahren, um dort den Auftakt der Slichot zu begehen.

Damit knüpfen wir auch bereits an die........

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