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»Es hätte ihm gefallen«

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14.09.2017

Als Marcel Reich-Ranicki am 21. Juli 1958 am Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, wusste er, dass in diesem Augenblick auf dem Bahnsteig ein neues Kapitel seines Lebens begann. Aber er wusste nicht, ob er – der Polen gerade für immer hinter sich gelassen hatte – mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt würde bestreiten können. Er werde entweder grandios scheitern oder sagenhaft erfolgreich werden, erinnerte er sich in seiner Autobiografie Mein Leben an ein Gespräch mit seiner Frau Tosia kurz nach seiner Ankunft in Deutschland.

Nun, es sollte bekanntlich Letzteres werden. Der später als »Literaturpapst« gefeierte und gefürchtete Kritiker befreite die Literaturkritik publikumswirksam von Langeweile und akademischem Geschwurbel. »Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker«, sagte er einmal. Von 1973 bis 1988 wirkte Reich-Ranicki als einflussreicher Literaturchef im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Und auch in dem bis dahin von konservativen Kritikern geleiteten – und kaum lesbaren – Feuilleton zeigte er keinen Respekt vor Autoritäten und scheute keine Auseinandersetzung. So war es folgerichtig, dass das erste »Reich-Ranicki-Symposium«, das am vergangenen Freitag in Frankfurt stattfand, die Überschrift »Streitkultur« trug.

tel aviv Anlass für das Symposium war das zehnjährige Jubiläum des Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv. Vertreter der größten Universität Israels kamen ebenso nach Frankfurt wie Kollegen und Weggefährten Reich-Ranickis. Sein Sohn, der Mathematikprofessor Andrew Ranicki, reiste eigens aus Schottland an.........

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