We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

»Der Seelsorger bin ich«

5 0 0
14.06.2018

Herr Leavor, Sie sind 1926 als Rudi Librowicz in Berlin zur Welt gekommen. Als Elfjähriger, im Jahr 1937, konnten Sie mit Ihren Eltern nach Großbritannien auswandern. Wann haben Sie als Kind die Bedrohung für Juden in Deutschland realisiert?
Das kam ganz allmählich. Ich ging in die 13. Volksschule in Berlin-Schmargendorf, die heute Judith-Kerr-Schule heißt. Die Lehrer und Schüler haben sich mir und drei anderen jüdischen Jungen in der Klasse gegenüber freundlich verhalten, manchmal sogar besonders freundlich. Aber eines Tages hat unser Lehrer gesagt, wir sollten am nächsten Tag fünf Pfennig mitbringen. Am nächsten Tag lag auf dem Pult eine große Tafel, und die Kinder sollten Nägel einschlagen. Die Köpfe von den Nägeln waren rot, weiß und schwarz. Als wir jüdische Jungs an die Reihe kamen, sagte der Lehrer, wir brauchten das nicht zu machen, und gab uns die fünf Pfennig zurück. Und als alle Kinder diese Nägel eingeschlagen hatten, kam ein schwarzes Hakenkreuz vor einem weißen und roten Hintergrund zum Vorschein. Wir waren damals sieben, acht Jahre alt.

Sind Sie deswegen auf die jüdische Schule gewechselt?
Nein, das war ganz regulär, die Vorschule dauerte vier Jahre. Aber auf der jüdischen Schule in der Großen Hamburger Straße habe ich mich doch etwas sicherer und wohler gefühlt. Außerdem durften jüdische Kinder keine öffentlichen Schulen mehr besuchen.

Ihre Familie war orthodox – trotzdem hat Ihr Vater, ein Zahnarzt, am Schabbat gearbeitet.
Ja, und ich bin währenddessen in die Synagoge in Berlin-Grunewald gegangen – alleine. Wir waren »leicht orthodox«. Bei uns gab es natürlich kein Schweinefleisch, aber dass man Fleisch und Milch zusammen gegessen hat, kam schon mal vor. Meine Großväter jedoch waren sehr orthodox. Mein Großvater mütterlicherseits wohnte in Frankfurt am Main. Er ist schon 1934 nach Palästina ausgewandert, und er wollte meine Mutter vor der Auswanderung noch einmal sehen. Er wohnte zwei, drei Tage bei uns in Berlin. Meine Mutter hatte an einem dieser Tage Geburtstag, an einem Sonnabend. Und mit mir wurde ein bestimmtes Klavierstück eingeübt, als Überraschung. Nach dem Mittagessen setze ich mich ans Klavier und spielte meiner Mutter das Stück vor, als Geschenk. Da war mein Großvater sehr wütend und hat gesagt, meine Mutter hätte mich nicht spielen lassen sollen an einem Sonnabend, das wäre doch verboten. Es kam wirklich zu einem Streit, und es gab keinen Gewinner. Zum Schluss hat er gesagt: »Ihr könnt machen, was ihr wollt, ich halte meinen Sabbat!« und ging aus dem Zimmer. Aber nach ein paar Stunden wurde das alles vertuscht, und wir waren wieder Freunde.

Wie erinnern Sie sich an das jüdische Leben in Berlin-Grunewald?
Wir haben ein normales Leben gehabt, das Jüdischsein war Nebensache. Die besten Freunde meiner Eltern waren Christen, die Frau dieses Ehepaars hat mir Klavierunterricht gegeben. Sie haben sich sehr oft getroffen, und die Religion war eigentlich kein Gesprächsthema. Außer, wenn es um die Verfolgung der........

© Juedische Allgemeine