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Antisemitismus: Juden erzählen, wie sie Anfeindungen in Deutschland erleben

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14.06.2018

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit

14.06.2018, 10:28

Wer sich mit Shmuel Havlin verabredet und etwas zu früh dran ist, bekommt es mit der Polizei zu tun. Die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hamburg, in der er Rabbiner ist, wird seit Jahren geschützt. Betonpoller, Straßensperren, Zivilbeamte.

Havlin ist einer von zwei Rabbinern der jüdischen Gemeinde in Hamburg. Dunkler Anzug, Bart, Kippa. Auf Händeschütteln verzichtet er, der orthodoxen Tradition folgend. Zum Gespräch bittet er in einen Nebenraum.

Menschen wie er werden in Deutschland beleidigt, bedroht, attackiert. Lange wurde nicht mehr so intensiv über den Hass auf jüdisches Leben diskutiert, wie in der vergangenen Zeit.

Ein junger Mann verteilt Solidaritäts-Kippas im Berliner Mauerpark. (Bild: dpa)

Vor allem ein Fall empörte viele: Im April tauchte in den sozialen Netzwerken ein verwackeltes Video aus Berlin auf. Es zeigt einen Mann, der auf offener Straße mit einem Gürtel auf einen jungen Israeli einschlägt. Das Opfer trug Kippa.

Tausende gingen kurz darauf gegen Antisemitismus auf die Straßen. Eine Zeitung druckte Solidaritäts-Kippas zum Ausschneiden. Seit einigen Wochen hat die Bundesregierung einen eigenen Antisemitismus-Beauftragten.

Auch ganz rechts außen interessiert man sich jetzt plötzlich für den Schutz jüdischen Lebens. Zum 70. Jahrestag der Gründung Israels sagte AfD-Chef Alexander Gauland im Bundestag:

Kurz darauf nannte er die Zeit der Nazi-Herrschaft und damit der Judenverfolgung einen "Vogelschiss" in 1000 Jahren deutscher Geschichte. Wie ernst nimmt man den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland?

Sicher ist: In Deutschland registrierte die Polizei 1453 antisemitischen Straftaten im Jahr 2017. Durchschnittlich vier pro Tag. Seit Jahren ist das so, vermutete Dunkelziffer: hoch. (Tagesspiegel)

Eine Suche nach Antworten führt nach Berlin und in den Hamburger Grindel, einst das jüdische Viertel der Stadt, heute Studentenhochburg. Noch heute steht hier die Synagoge. Vor dem Holocaust lebten in Hamburg 50.000 Jüdinnen und Juden – heute hat die Gemeinde etwa 2500 Mitglieder.

Rabbi Havlin wurde in Israel geboren, studierte dort und in den USA. 2012 kam er nach Deutschland. In Hamburg arbeitet der 33-Jährige auch als Religionslehrer für das 2007 wieder gegründete jüdische Bildungshaus.

Shmuel Havlin ist einer von zwei Rabbinern der jüdischen Gemeinde und Religionsleiter im jüdischen Bildungshaus Hamburg. (Bild: bento)

Wenn Havlin vor die Tür geht, fällt er auf. Dieser Anzug, dieser Bart. Viele sprechen ihn an. An manchen Tagen, sagt Havlin, brauche er von seiner Wohnung zur Synagoge doppelt so lange wie geplant.

Havlin sagt, er fühle sich sicher hier. “Wenn ich mit Mitgliedern meiner Gemeinde spreche, merke ich allerdings, dass die Verunsicherung gewachsen ist.” Rabbiner aus anderen deutschen Städten erzählen von Anfeindungen. Inzwischen, sagt Havlin, verstehe er Gemeindemitglieder, die aus Sicherheitsgründen in manchen Stadtteilen die Kippa lieber abnehmen. Für ihn selbst kommt es nicht in Frage.

Vieles ist unbekannt. Wie oft betet ihr am Tag? Was trägst du zu Hause? Welche Rolle haben........

© Bento